mit großem Interesse haben wir Ihr Regierungsprogramm im Internet gelesen. Dort heißt es z.B.:
In der Tat sehr ambitionierte und lobenswerte Ziele und Ansichten. Herr Steinmeier, da Sie für die SPD um das Amt des Bundeskanzlers kämpfen, möchten wir die Gelegenheit nutzen, Sie darauf hinzuweisen, dass andere Amtsträger aus Ihrer Partei eine Politik betreiben, die in keinster Weise mit den o.g. Idealen in Einklang zu bringen ist, ja sogar kontraproduktiv ist. Konkret geht es um Ihren Parteigenossen Jürgen Zöllner, den Berliner Bildungssenator, und die ihm untergeordnete Behörde, die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung.
Schulkinder mit Behinderungen in Berlin sind teilweise für den Besuch der Schule und die Teilnahme am Unterricht auf einen Schulhelfer angewiesen. Diese Schulhelfer unterstützen die Kinder bei der Kommunikation, beim Lernen und auch bei hygienischen und medizinischen Notwendigkeiten in der Schule, sowohl an Förderzentren, als auch an Regelschulen. Sie leisten zukunftsweisende, manchmal sogar überlebensnotwendige und lebensrettende Hilfestellungen.
Für Schulhelfer sind für das vergangene Schuljahr 2008/2009 Kosten in Höhe von 9,5 Mio. Euro aufgewandt worden – bestehend aus drei Finanzierungsteilen: einer Regelfinanzierung im Berliner Haushalt in Höhe von 5,225 Mio. Euro, Dispositionsgelder der Bezirke in Höhe von insgesamt ca. 2,775 Mio. Euro sowie einer Nachschubfinanzierung in Höhe von 1,5 Mio. Euro im Oktober 2008. Man rechnet pro Schuljahr mit einer Kostensteigerung von ca. 8%, durch verbesserte Diagnostik von Behinderungen, durch eine steigende Zahl von Kindern mit Förderdiagnosen, sowie durch zunehmenden Schulhelferbedarf in der integrativen und inklusiven Beschulung.
Im Zuge der Planungen für den nächsten Berliner Doppelhaushalt 2010/2011 wurden diese Gelder von Bildungssenator Zöllner mit dem Finanzsenator neu verhandelt. Resultat: die Regelfinanzierung steigt von 5,225 Mio. Euro auf 8 Mio. Euro – dafür fallen die Dispositionsgelder und die Nachschubfinanzierung komplett weg. Während die Senatsverwaltung für Bildung dies in Pressemitteilungen und Briefen an Betroffene als Mittelerhöhung zu verkaufen versucht, indem man den Wegfall der beiden anderen Finanzierungsquellen konsequent verschweigt, wird jedem dies bei korrekter Nennung der o.g. Werte auf den ersten Blick klar: hier hat keine Erhöhung, sondern eine Kürzung um 20% stattgefunden.
Grund dafür war u.a. mangelhafte Verwaltungsvorarbeit, da aufgrund vollkommen falscher bzw. veralteter Statistiken, um deren Erneuerung man sich seitens der Senatsverwaltung für Bildung nicht bemüht hat, der tatsächliche Anstieg an Kindern, Diagnosen und Bedarf als Faktor für die Kostensteigerungen nicht richtig begründet wurde. Man hat sich nicht die Mühe gemacht, die Förderbedarfe der einzelnen Kinder zu differenzieren und ggf. mehrfachen Förderbedarf statistisch mitzuerfassen, und konnte somit gegenüber der Finanzverwaltung nicht begründen, wieso die Kosten steigen.
Die Resultate davon sind:
Diese Missstände werden morgen mit dem Beginn des Schuljahres 2009/2010 in Berlin Realität. Derweil versucht die Senatsverwaltung für Bildung abzulenken, indem man von angeblich so guter personeller Ausstattung der Schulen kündet, die wenn überhaupt, jedoch nur auf dem Papier existiert. Schulen wird chronisch krankes Personal als vorhanden angerechnet, der Senat erwähnt punktuell gezielt „zusätzliche Betreuer“, obwohl es für Betreuer einen festen Zumessungs-Schlüssel gibt. Wobei Betreuer aufgrund mangelnder sonderpädagogischer und pflegerisch-medizinischer Ausbildung keinesfalls Schulhelfer ersetzen können. Die Senatsverwaltung behauptet, es handele sich nur um Einzelfälle: auch das stimmt nicht, es gibt Betroffene quer durch Berlin.
Herr Steinmeier, wir fragen Sie, wie lässt sich eine derart skandalöse SPD-Politik, die in der Hauptstadt nun Realität ist, mit Ihrem ambitionierten Wahlprogramm in Einklang bringen?
Betroffene Eltern in Berlin werden sich das Vorgehen von Bildungssenator Zöllner und seiner Senatsverwaltung für Bildung nicht gefallen lassen. Der komplette Sachverhalt, wie auch dieses Schreiben, wird in den nächsten Tagen nicht nur regional, sondern bundesweit auf breiter Ebene kommuniziert werden. Am 05.09.2009 wird eine ganzseitige Anzeige in einer renommierten Tageszeitung erscheinen – dafür sind bereits Spenden aus dem gesamten Bundesgebiet eingegangen. Viele Menschen werden dann in der Zeitung lesen können, wie ernst es die SPD meint mit „Gute Bildung für alle“ – dem aktuellen Wahlslogan der Bundes-SPD.
Herr Steinmeier, Sie erhalten hiermit eine einzigartige Chance: Sie können unter Beweis stellen, dass Sie die o.g. Sätze aus Ihrem Wahlprogramm auch politisch ernsthaft umsetzen. Zeigen Sie uns und unseren besonderen Kindern, dass die SPD tatsächlich noch für soziale Politik steht – in der Bildungspolitik der Hauptstadt haben wir die Hoffnung diesbezüglich so gut wie aufgegeben.
Für weitere Informationen zum Sachverhalt können Sie sich gerne an uns wenden, per E-Mail, telefonisch oder auch im Rahmen eines persönlichen Gespräches. Auf unserer tagesaktuellen Internet-Plattform sind zudem die meisten Informationen zusammengefasst.
Mit freundlichen Grüßen,
Elternzentrum Berlin e.V., Netzwerk Förderkinder und Familien von Kindern mit Behinderungen
« Sehr geehrter Herr Schindler (Stellungnahme LEA PM210909) – Beschlussantrag LSB angenommen 20.09.2009 »
Buchautorin mit Aspergersyndrom, schrieb in einem Offenen Brief am 16. März 2008 an Bildungssenator Prof.Dr.Zöllner: "Schulhelfer, Sonder-
pädagogen und Betreuungspersonen sind Hoffnungsträger für so viele Menschen. Sie sind Rettungsanker aus der ewigen Stummheit, aus der Einigelung in eine eigene Welt und Wegweiser und Begleiter in ein freieres, selbstbestimmtes Leben."
© Elternzentrum Berlin e.V. 2009
Recht auf adäquate Bildung autistischer Kinder und Kinder mit anderen Behinderungen
Sparmassnahmen des Berliner Senats
Elternprotest
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Liebe Mitstreiter, der Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Ich bin innewohnende Sozialpädagogin der kleinsten Heimeinrichtung Berlins. In unserer Familie leben drei Kinder, eins davon mit Autismus, Pflegestufe 1, ab heute 5. Klasse eines Förderzentrums. Er soll heute seinen inzwischen 4. Schulhelfer (in zwei Jahren!) für 8 Stunden bekommen, der auch noch ein zweites Kind in Hellersdorf (wir wohnen in Marzahn) betreuen soll. Unser bisheriger Schulhelfer hatte 10 Stunden und von uns auch noch mal 10 Stunden, sodass der Schulalltag unseres Kindes abgesichert war. Anders hätte er den Schulalltag nicht bewältigen können und es war wichtig, damit er überhaupt bereit war, nach dem letzten Schulhelferwechsel wieder in die Schule zu gehen und Selbstvertrauen zu entwickeln. Wir finden diesen Zustand skandalös. Die Schule kann nun den Schulhelfer auch nur so einsetzen, wie es sich mit der zweiten Schule vereinbaren läßt, von Betreuungskontinuität ganz zu schweigen. Die Klasse wird somit auch immer wieder mit neuen Gesichtern konfrontiert und jede neue Einarbeitung durch die Klassenlehrerin zieht Energien und hat Reibungsverluste. Wie soll hier überhaupt Kontinuität für ein autistisches Kind entstehen ? Wir hoffen im Interesse alles betroffenen Kinder, dass Herr Steinmeier auch umsetzt, was er verspricht. Mit freundlichen Grüßen Marion Baumann
Kommentar: Marion Baumann – 31. August 2009 @ 09:05
[...] auch verstärkt durch die Wichtigkeit des Bildungsthemas im Wahlkampf) den Impuls für eine >>lokale Protestbewegung gegeben => Spendensammlung für Zeitungsanzeige. Das Thema allerdings kann durchaus auch [...]
Pingback: B: Kampf um Recht auf Schulbesuch – 31. August 2009 @ 13:20
Auch ich kann das Schreiben an Herrn Steinmmeier nur unterstützen. Aber warum nur an ihn? Versprechen uns doch aller Parteien (mal wieder im Wahlkampf) dass sie der Bildung die höchste Priorotät beimessen. Im Berliner Senat sitzt auch DIE LINKE und auch deren Vorsitzender wirbt großflächig … . Darüber hinaus bedeutet ja die Einsparung von Geldern bei den Schulhelfern, Mehrausgaben des Senats bei Arbeitslosengeld oder Hartz IV. Ich selbst bin in dieses Sparloch gefallen und das obwohl mir von allen Seiten eine gute Arbeit als Schulhelfer bescheinigt wurde (”Gute Arbeit soll sich lohnen”). Am schlimmsten aber trifft es die Kinder die sich wiedermal an einen neuen Schulhelfer gewöhnen dürfen. Wer sich ein wenig mit Autismus auskennt, weiß was dies für die Kinder bedeutet. Übrigens hat der Sparhammer nicht nur die Autisten getroffen sondern auch Kinder mit anderen Behinderungen. Das Geld was SPD-Finanzsenatoren bei der Pacht für einen Golfplatz einsparen wäre hier besser aufgehoben. Wir müssen uns wehren, denn unsere Kinder können es noch nicht selbst tun! Wolfgang Ulbricht
Kommentar: Wolfgang Ulbricht – 31. August 2009 @ 14:47
Die Qual der Wahl oder wie man sich politisch „verspricht“
Wahlverdrossenheit, eine beim “Normalbürger” scheinbar sehr verbreitete Krankheit, vielleicht auch nur eine Beeinträchtigung. Gibt es ihn denn überhaupt, den “Normalbürger”? Wen sollte man „normalerweise“ wählen, wenn man das Beste für sein autistisches Kind will. Will nicht „jeder Normale“ das Beste für sein „normales“ Kind?
Oder sind vielleicht sogar unsere autistischen Kinder die “Normalen” und alle anderen “unnormal”. Stellen Sie sich das doch einmal vor, Herr Steinmeier, Sie sind nicht autistisch und daher vielleicht “unnormal”. Eines scheint jedoch klar zu sein, Norm ist Ihnen offensichtlich wichtig, damit Ihre politische “Rednergesellschaft” in Ruhe auf die Wahlen zuwandern kann, die Normalos mitnimmt, die SPD vielleicht voran.
Oder es fällt gerade wegen der leeren Worte Ihrer SPD und hier besonders den betroffenen Eltern auf, die eine adäquate Bildung für Ihre Kinder fordern, ja fordern, dass ihre Kinder überhaupt in die Schule gehen können, dass da Wasser gepredigt wird und Wein gesoffen.
Nun ist ja Ihr Schulbesuch, Herr Steinmeier (und der vom Parteigenossen Zöllner sicherlich auch) schon solange her, dass es dem Kanzlerkandidaten Steinmeier nur noch gelingt, die Parolen seiner Schreiberlinge (über seine offensichtlich bereits in Vergessenheit geratene Schulzeit) zu verbreiten. Vielleicht vertritt er auch die Auffassung, dass wenn immer weniger Menschen zur Schule gehen, ist der “Ich glaube was sie sagen – Herr Steinmeier” – Pegel auf den oberen Anschlag zu bringen, was glauben Sie überhaupt.
Herr Steinmeier, haben Sie vielleicht schon den Glauben an Ihre Parolen verloren und spielen nur Theater (das würde ja ein wenig zu Ihrer Zeit als Referent für Medienrecht und Medienpolitik oder auch zu Ihrer Musikantenzeit mit Ihrem französischen Amtskollegen Bernard Kouchner passen)? Scheinbar unterliegen Sie dem Irrglauben, die Eltern von benachteiligten Menschen sind leichtgläubig, halten still und lassen sich alles gefallen. Na dann glauben sie mal weiter, liebe Herren Steinmeier, Zöllner und Nußbaum und wie sie alle heißen. Wir werden Ihnen schon zum Wissen verhelfen.
Nun wissen Sie vielleicht auch ein wenig mehr, warum ich mit dem Begriff “Wahlverdrossenheit” begonnen habe, die kann einem schon aufkommen, bei so vielen leeren Worten.
„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ [Guy de Maupassant].
Nicht immer sind es allerdings (wenn auch meistens) die schönsten Begegnungen, es sind aber immer Lektionen aus dem Schulbuch des Lebens, aus dem auch unsere autistischen Kinder nicht nur Teile lesen wollen. Ich lerne aus jeder Begegnung, einmal mehr und einmal weniger, auch aus der Begegnung mit hohlen politischen Versprechungen, aus Begegnungen mit Berliner Senatsvertretern, die uns (den Eltern) ja schon so wundervolle Sachen versprochen haben und ……
Es grüßt mit den besten Wünschen
Torsten Hansen
Kommentar: Torsten Hansen – 01. September 2009 @ 14:33