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RBB Klartext “Überzogener Sparzwang” 07.10.2009

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Mit herzlichem Dank an das Team von RBB Klartext:

“Überzogener Sparzwang – Zu wenig Schulhelfer für autistische Kinder”

externer Linkzum Video RBB Klartext 07. Oktober 2009

Jahr für Jahr der gleiche Streit: Die Eltern behinderter Kinder kämpfen mit Vehemenz um Schulhelferstunden, die es ihren Kindern ermöglichen, am Unterricht teilzunehmen. Gerade für Autisten ist das besonders schwierig, da ihr Wohlergehen von festen Bezugspersonen abhängt.

Dass es dringend nötig ist, in unserer Gesellschaft mehr für Bildung und Kindererziehung zu tun, darüber sind sich alle einig. Doch eine Minderheit wird dabei oft vergessen: behinderte Kinder. Gerade im schulischen Bereich erleben sie viele Nachteile, obwohl Kinder mit schweren Behinderungen dringend auf sonderpädagogische Förderung angewiesen sind. Doch darum müssen viele Eltern immer wieder äußerst mühsam kämpfen. Das erfuhr meine Kollegin Ute Barthel, als sie Berliner Familien mit autistischen Kindern besuchte.

John lebt in seiner eigenen Welt. Der neunjährige Junge aus Berlin-Mitte ist Autist. Er spricht nicht und kann sich anderen nur schwer mitteilen. Wenn er sich überfordert fühlt, läuft er davon und bringt sich dabei manchmal selbst in Gefahr.

Monika Scheele-Knight, Mutter von John
„Wir haben überall abschließbare Fenstergriffe und haben alle Türen abgeschlossen. Er geht auch ins Badezimmer mit voller Montur in die Badewanne und stellt ganz heißes Wasser an. Deswegen haben wir immer das Bad abgeschlossen. Im Prinzip ist es so, dass man ihn wirklich keine Minute alleine lassen kann.“

Deshalb hat John auch in der Schule einen Schulhelfer. Er geht in eine spezielle Förderschule für geistig behinderte Kinder. Die meisten in seiner Klasse können trotz ihrer Behinderung die Aufgaben, die ihnen der Lehrer stellt, erfüllen. Doch für John ist es schon eine Herausforderung, sich hier in die Gruppe einzuordnen. Dabei hilft ihm der Schulhelfer. Wenn John davon läuft, holt er ihn zurück und beruhigt ihn. Doch in diesem Jahr wurden John die Schulhelferstunden gekürzt.

Monika Scheele-Knight, Mutter von John
„Am ersten Schultag stand John dann da und hatte nur zehn statt 25 Stunden Schulhelfer. Da ich ihn ohne Schulhelfer nicht in die Schule schicken kann, das kann ich nicht verantworten, habe ich ihn dann nur an zwei Tagen in die Schule geschickt, wenn der Schulhelfer da war.“

Als Ersatz für den Schulhelfer hatte die Berliner Schulverwaltung einen Betreuer aus dem Stellenpool eingesetzt, der keine Erfahrung mit behinderten Kindern hatte. Der gesamten Schule wurden nur ein Drittel der beantragten Schulhelferstunden bewilligt.

Gerda Damaschke, Sonderschulrektorin Helene-Haeusler-Schule
„Wir würden die Anträge nicht stellen, wenn wir sie nicht brauchen würden. Es sind spezielle Schüler, die gefährdet sind, wenn Sie nicht ständig begleitet werden, nicht von einer 60-jährigen Betreuerin, die Rückenschmerzen hat, man braucht da, man muss sehr individuell hinschauen…“

Erst nachdem Johns Mutter einen Eilantrag beim Sozialgericht eingereicht hatte, wurden die Schulhelferstunden für ihren Sohn nachbewilligt. Obwohl Johns Autismus schon vor Jahren diagnostiziert wurde, müssen die Eltern immer wieder Druck auf die Bürokraten in der Schulverwaltung ausüben, die auf Kosten der Kinder sparen wollen. Der zuständige Abteilungsleiter kennt die Vorwürfe seit langem, aber er handelt nicht.

Erhard Laube, Senatsschulverwaltung
„Die von Ihnen geäußerte Kritik habe ich schon öfter gehört. Ich nehme diese Kritik sehr ernst und in der Tat stellen wir Überlegungen an, wie wir in Zukunft dieses Verfahren vereinfachen können.“

Vertrösten auf die Zukunft. Schon seit Jahren müssen sich die Eltern das anhören. Der Kampf um die Schulhelfer könnte im nächsten Jahr in eine neue Runde gehen.

Monika Scheele-Knight, Mutter von John
„Es müsste einfach ein Verfahren entwickelt werden, bei dem Eltern mehr Planungssicherheit haben und bei dem Kinder, die wirklich sehr beeinträchtigt sind, klar ist, man konnte das jetzt auch mal für fünf Jahre bewilligen und dann noch mal gucken, ob sich die Lage so dramatisch verbessert hat, dass dieser Schulhelfer jetzt nicht mehr benötigt wird…“

John braucht seinen Schulhelfer Rainer Pätzke auch, weil er mit ihm pädagogisch arbeitet. Er trainiert mit ihm zum Beispiel das Zuordnen von Gegenständen mit einer speziellen Fördermethode für Autisten. Auch dass John zum Beispiel Blickkontakt aufnimmt, ist ein Riesenfortschritt.

Aber Rainer Pätzke ist kein ausgebildeter Sonderpädagoge.

Rainer Pätzke, Schulhelfer
„Ich denke, dass eine spezielle Einrichtung für Autisten ihn besser fördern könnte und dass er solange er an einem Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt ‚geistige Entwicklung‘ mit vielen anderen Kindern in einem Klassenverband ist, auf jeden Fall jemanden braucht, der ihm zu Seite steht.“
KLARTEXT
„Warum braucht er den?“
Rainer Pätzke, Schulhelfer
„Weil er eine Bezugsperson braucht, er braucht Kontinuität. Er braucht etwas wie eine Übersetzungshilfe.“

Es gibt auch in Berlin eine spezielle Einrichtung für Autisten. Aber die wenigen Plätze waren belegt. Deshalb wurde John an der Förderschule für geistig Behinderte eingeschult.

Weil viele Eltern von autistischen Kindern in Berlin es leid sind, Jahr für Jahr aufs Neue um Unterstützung zu kämpfen, bringen sie ihre Kinder auf die Burgdorf-Schule im 70 Kilometer entfernten Fürstenwalde. In der Schule für geistig Behinderte lernen inzwischen auch 25 Autisten aus der Hauptstadt.

Oft sind es schwere Fälle, die an Berliner Schulen gescheitert waren. In Fürstenwalde werden sie konsequent nach einer speziellen Methodik unterrichtet, die ihrem Tagesablauf eine sehr starke Struktur gibt.

Susanne Rabe, Schulleiterin Burgdorf-Schule Fürstenwalde
„Ich denke, dass es wenige Schulen gibt, die so strukturiert ihr Schulprogramm darauf ausgerichtet haben, wie wir das tun. Und für autistische Kinder halte ich das persönlich auch nach der Erfahrung der letzten Jahre, die wir gemacht haben, für absolut notwendig.“
KLARTEXT
„Warum ist das so notwendig?“
Susanne Rabe, Schulleiterin Burgdorf-Schule Fürstenwalde
„Um dem Kindern Sicherheit zu geben. Um ihnen Verlässlichkeit zu geben und in diesem Rahmen von Sicherheit und Verlässlichkeit ihre Potentiale entdecken zu können und das erleben wir immer wieder: dann geschieht lernen, dann geschieht Entwicklung.“

Zum Beispiel bei Sönke. Der 17-jährige Berliner bereitet sich im Unterricht für Hauswirtschaftslehre inzwischen auf den Besuch in einer Behindertenwerkstatt vor. Er war in Berlin in drei verschiedenen Förderschulen für Behinderte. Doch auf seinen Autismus wurde dort nicht eingegangen. Die Eltern waren verzweifelt.

Ines Balluschk, Mutter von Sönke
„Er ist in die Schule gegangen, hat sich in die Ecke gelegt und hat geschlafen und man ihn dann auch gelassen und er ist dann nach Hause gefahren und man hat dann eingeschrieben: Sönke hat gut gegessen. Und das war es dann gewesen. Bis Sönke dann irgendwann nicht mehr in die Schule wollte.“

Seine Verweigerungshaltung hat Sönke in der Fürstenwalder Schule abgelegt– viele Problemfälle haben sich hier gut entwickelt. Dennoch – eine Kooperation mit den Berliner Schulen gibt es nicht.

In der Hauptstadt fordern die Eltern langfristige Lösungen. Johns Mutter möchte nächstes Jahr nicht wieder mit zu wenigen Schulhelferstunden da stehen. Sie würde ihren Sohn lieber auf die Schule nach Fürstenwalde bringen, statt ihn einem unerfahrenen Betreuer anzuvertrauen.

Monika Scheele-Knight, Mutter von John
„Da ist das dann nur noch eine Aufbewahrung in der Schule. Unsere Kinder haben aber ein Recht auf Bildung, wie jedes andere Kind auch.“

Übrigens ist in Deutschland in diesem Jahr endlich die UN-Konvention über die Rechte von Behinderten in Kraft getreten. Deutschland – und damit auch Berlin – hat sich verpflichtet, Maßnahmen zur Unterstützung von Behinderten zu ergreifen – doch was auf dem Papier steht und wie es in der Realität aussieht, geht eben oft leider auseinander.

Ute Barthel

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 18. November 2009 um 22:20 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Medien abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

« ZDF heute journal – Kein Geld für behinderte Kinder 20.09.2009 – Eltern vor Gericht »

2 Kommentare »

  1. Die Kritik ist natürlich berechtigt aber man darf nicht vergessen, dass jeder Schulhelfer auf eine Kostenstelle ist, die irgendwo anders im Bildungsetat fehlt. Jeder behinderte Schüler bindet (bedingt durch kleinere Klassen, Schulhelfer, usw.) sowieso schon mehr Geld als ein nicht behinderter Schüler. Die Argumentation, behinderte Schüler würden benachteiligt kann ich also nicht nachvollziehen. Das soll nicht heißen, dass nicht noch mehr getan werden muss, aber man muss auch mal anerkennen, dass das deutsche Schulsystem bereits sehr viel für behinderte Schüler leistet.

    Kommentar: Quitzo – 19. November 2009 @ 17:55

  2. Zunächst einmal soll man von einem demokratischen und zivilisierten Land nichts anderes erwarten, als dass es sich angemessen um seine schwächsten Mitglieder kümmert. Natürlich leistet unser Schulsystem einiges für behinderte Kinder, das hat niemand bestritten. Allerdings leistet das Schulsystem in Berlin immer weniger für schwerbehinderte Kinder, und das ist nicht in Ordnung, denn diese Kinder haben es sowieso schon viel schwerer als nicht-behinderte Kinder.

    Es stimmt nicht, dass das Geld für Schulhelfer woanders im Bildungstetat fehlt: das Budget für die Schulhelfer ist ein eigens zugewiesenes. Wenn man das so sehen wollte, würde auch jede Theatersubvention irgendwo anders im Kulturetat fehlen etc. Das ist reines Ausspielen von Interessen und ebenso sinnlos wie unberechtigt, um nicht zu sagen schäbig. Ein nicht-behinderter Schüler braucht keinen Schulhelfer, da kann er froh sein, aber das ist kein Verdienst, und auch nicht irgendwie anrechenbar. Das ist einfach nur Glück, und kann sich im Übrigen auch mit jedem Tag ändern, z.B. durch einen Unfall oder eine schwere Erkrankung. Damit ein Schüler mit einer Behinderung auf dem gleichen Niveau lernen kann, braucht er – auch nur in bestimmten Fällen – einen Schulhelfer. Dieser Schulhelfer ist somit eine Art Nachteilsausgleich. Ich empfehle die Lektüre von Amartya Sen’s Capabilities-Ansatz.

    Die Argumentation, dass behinderte Menschen “Geld binden”, wie es in Ihrer unschönen Rhetorik heißt, dass sie die Gesellschaft und den Staat mehr kosten als vielleicht jemand anderes, diese Argumentation ist höchst gefährlich, unredlich und unethisch. Ganz abgesehen davon, dass Sonderpädagogen, Schulhelfer etc. auch wertvoll Arbeitende sind. Dass in Berlin zum neuen Schuljahr über 100 Schulhelfer arbeitslos geworden sind, ist ebenfalls aus arbeitsmarktpolitischer und volkswirtschaftlicher Sicht Unsinn. Auch da verweise ich gerne auf den Wirtschaftswissenschaftler Sen.

    Kommentar: admin_m – 20. November 2009 @ 14:55

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Nicole Schuster,

Buchautorin mit Aspergersyndrom, schrieb in einem Offenen Brief am 16. März 2008 an Bildungssenator Prof.Dr.Zöllner: "Schulhelfer, Sonder-
pädagogen und Betreuungspersonen sind Hoffnungsträger für so viele Menschen. Sie sind Rettungsanker aus der ewigen Stummheit, aus der Einigelung in eine eigene Welt und Wegweiser und Begleiter in ein freieres, selbstbestimmtes Leben."

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